Das haben doch nur Kinder…


Dieses oder ähnliche Kommentare höre ich immer wieder, wenn ich anbringe, dass ich ADHS habe. Natürlich bräuchte ich das nicht anbringen. Meine Erfahrungen haben mir aber gezeigt, dass sich die Leute immer wieder ab einem bestimmten Punkt die Frage stellen:“Was ist nur mit der los? Die ist erwachsen, das sollte sie ohne Probleme schaffen.“ Früher habe ich verzweifelt mit den Schultern gezuckt und mein Nichtwissen bekundet.

Heute ist das anders, doch es kommen da natürlich auch andere oder „neuere“ Fragen auf. Immer wieder wird von ADHS gesprochen, doch nur bei Kindern. Was aber ist, wenn das Kind plötzlich erwachsen ist? Hat es dann nicht mehr ADHS? Viele Wissenschaftler und Ärzte haben das eine ganze Zeitlang angenommen, dass sich die Symptome mit dem Alt werden „verwachsen“. Dieser Umstand konnte aber durch zahlreiche Studien widerlegt werden. Über die Hälfte der im Kindesalter diagnostizierten ADHS’ler waren mehr oder weniger auch noch im Erwachsenenalter betroffen. Im Jahre 1978 erweiterte man das Störungsbild daher auch auf die Erwachsenen.

Die Studien waren aber noch Aufschlussreicher. Es wurde festgestellt, dass bei einem unbehandelten ADHS die Wahrscheinlichkeit an Komorbiditäten zu erkranken um ein Vielfaches erhöht ist. Komorbiditäten sind sogenannte Begleiterkrankungen, die sich Aufgrund von einer ursächlichen Krankheit, in diesem Fall ADHS, entwickeln.

Das erklärte den Umstand, dass viele Depressionen als nicht heilbar eingeschätzt wurden. Behandelt man bei einem erwachsenen ADHS’ler nur die Komorbidität Depression aber nicht das ADHS, bessert sich die Depression nur kurzweilig, klingt aber nicht ab und heilt auch nicht aus. Therapien und Medikamente versagen hier ihre Wirkung. Als man das ADHS der betroffenen Studienteilnehmer behandelte und Begleitend die Depression, besserte sich der Zustand des Teilnehmers und die Depression war im Wesentlichen abgeklungen.

Leider kommt eine Komorbidität oft nicht alleine. Viele ADHS’ler im Erwachsenenalter leiden unter mehreren. Das erschwert die ohnehin schon schwierige Diagnose. Oftmals werden Patienten, die eigentlich unter ADHS leiden, auf Bipolar, emotional instabile Persönlichkeitsstörung und andere psychische Erkrankungen behandelt. Selbst manche Psychiater und Therapeuten zweifeln an der Tatsache, dass ADHS im Erwachsenenalter existiert. Viele sprechen von einer Modediagnose und das Faulheit und Unfähigkeit zu einer Krankheit erklärt werden würde. Dabei zeigen zahlreiche Studien Gegenteiliges.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Symptome im Erwachsenenalter „verlagern“. Als gutes Beispiel nehme ich hier, mich. Ich war ein Turbokind. Ständig in Bewegung, immer mit dem Kopf woanders, zu vielen unüberlegten Handlungen bereit, habe eine Gefahr oftmals nicht als Solche einschätzen können und habe immer die Wand genommen, statt die Tür. In der Schule habe ich nur aufgepasst, wenn mich etwas brennend interessierte. Bei uninteressanten Themen fuhr mein Gehirn auf „Ich höre halb zu“-Modus. Meine Mutter beschrieb mich immer als „lebhaft“, „temperamentvoll“ und „vorlaut“. Je älter ich wurde, umso mehr verschoben sich die hyperaktiven Symptome nach Innen. Ich würde es als innerliche Unruhe bezeichnen. Bleistifte, Fingernägel und Kugelschreiber leiden besonders darunter. Ab und an wippe ich mit den Beinen und verändere ständig meine Position auf einem Stuhl. Mitmenschen kann ich damit zur Verzweiflung treiben.

Am schlimmsten jedoch sind die kreisenden Gedanken, die sekündlich von einem Thema zum Nächsten springen und keine Ruhe zulassen. Ich versuche das einmal an einem Fallbeispiel zu verdeutlichen:
Stellt Euch vor Ihr lest Zeitung. Irgendein interessanter Artikel, der Euch fesselt. Ich nehme für mich einen Bericht zu The elder Scrolls online aus einem Game-Magazin.
Während ihr Zeile für Zeile ablest kreisen Eure Gedanken ums Mittagessen, weil in dem Bericht etwas von Kochkunst erwähnt wird. Eine Sekunde später kommt Euch das Bild des leckeren Kuchens Eurer Großmutter in den Kopf, während Ihr das Wort „Schwere Rüstung“ lest und Euer Gehirn plötzlich zu Der Herr der Ringe springt und Ihr beschließt, Euch wieder einmal die Trilogie anzusehen. Euer Herz macht einen Hüpfer als Ihr Gandalf vor Augen habt und ihr würdet gerne selbst einmal in solche Welten tauchen und ihr habt plötzlich das Werbeplakat von Ritterspielen in Eurer Nähe im Kopf, wo ihr gerne hingehen würdet. Kurz darauf seit ihr leicht angesäuert, weil ihr an die Hexenverbrennungen im Mittelalter denken müsst und regt Euch innerlich über die Kirche auf.

Plötzlich fällt Euch auf, dass Ihr den Faden verloren habt und gar nicht mehr wisst, wo Ihr stehen geblieben seit und schon fällt Euch wieder ein, wie es war, wenn Ihr Bücher in der Schule lesen musstet…

Willkommen in meiner Gedankenwelt und es ist noch schlimmer. Das Kopfkarussel bleibt nie stehen. Es ist nicht wie bei üblichen Stresssituationen, sondern das ist seit ich meine Umwelt wahrnehmen kann in dieser extremen Form. Als Kind, als Jugendliche und es geht weiter.

Naiv habe ich geglaubt, das geht jedem Menschen so. Irgendwann habe ich das Gegenteil erfahren, doch das ist eine andere Geschichte und wird ein anderes Mal erzählt.

In diesem Sinne,

Eure Awadea

Joint Emoticon
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s